Passo Praderadego

Tag 3: Freitag, 12. Juli 2019

Ermanno erzählt mir, wie die charakteristische Hügellandschaft – die colli – allmählich durch eine ungezügelte Ausweitung des Weinbaus ihre einzigartige Mischkultur verlieren würde. Diese Hügelketten, die das südliche Gegenstück zu den steilen Abhängen der Belluneser Voralpen und damit das Soligotal überhaupt bilden, wollte ich sowieso hinauffahren. Das sollte mir auch den Blick in die gegenüberliegenden Seitentäler bescheren, durch die meine beiden Passtraßen (San Boldo und Praderadego) hinaufführen. Die Hauptstraße nach Cison in der Talebene – in der vallata – ist wegen des hohen Verkehrsaufkommens zu keiner Tageszeit ein Vergnügen.

Lago – colli – Cison – Passo Praderadego – Lago

Um halbneun Uhr morgens rolle ich los, hinüber auf die andere Talseite. Eine gerade Schrägfahrt führt zur ersten Hügelkette hinauf. Noch bevor man nach Tarzo hineinkommt, zweigt bei der ersten Kuppe rechts die Provinzstraße, SP152, mit dem vielversprechenden Namen „via bellavista“ ab. Sie ist Teil der „strada provinciale dei colli settentrionale“, die mehr oder weniger auf dem Kamm dieser ganzen Hügelkette zwischen Vittorio Veneto im Osten und dem Piave im Westen bei Vidor verläuft. Für mich wird sie zur vecchia strada del prosecco, eine typische Weinstraße alten Musters. Die Versprechungen auf belleviste bleiben aber leider fast gänzlich aus – jedenfalls solche auf die Südabhänge der Voralpen hinüber. Die Bewaldung ist zu hoch, das Laub zu dicht für Aus- oder Durchblicke.

BLick auf Lago von den colli im Süden

Nur dort, wo – gewiss um teures Geld – an der via bellavista Grundstücke bebaut werden, stimmt der schöne Aus- und Überblick nach Norden über die Talebene, jedenfalls für die (zukünftigen) Bewohner und Bewohnerinnen dieser Häuser. Blickt man von dieser „Höhenstraße“ nach Süden, sieht man noch weitere Reihen von colli und collini, die wie Meereswellen gegen den Alpenfuß rollen.

colli bei Reseretta

Erst kurz vor der Abfahrt hinunter Richtung Cison, zurück auf die andere Seite der Soligo-Talebene, wird meine Suche nach einem Blick hinüber auf den Alpenfuß erfolgreich – wenigstens eine einzige Lücke im Wald macht die Aussicht möglich: Dort, wo der Einschnitt in der hinteren Bergkette am tiefsten ist, muss er wohl sein, der Passo Praderadego. Im Vordergrund Cison und auf dem sich hereinschiebenden Bergauslauf das castello. Dahinter die Ortschaft Valmareno und das Tal zum Praderadego hinauf.

Blick auf Cison und Valmareno und das Tal zum Praderadego

Da Ermanno in Lago nur Bargeld als Zahlungsmittel akzeptieren will, mache ich mich in Cison auf die Suche nach einer Bank oder einen Geldautomaten. Meine in den letzten Jahren verkümmerte Italienischkompetenz trägt dazu dabei, dass sich dies zu einer dreimaligen Durchquerung des Städtchens auswächst. Diese Suche beschert mir aber auch eine schöne Erinnerung an jenes ausgedehnte Mittagessen am Tisch neben der großen italienischen Familie hier in der noch existierenden trattoria in Cison, im Jahre 2013.

Nach der Geldabhebung geht‘s geschwind um den Schlossberg herum und hinein nach Valmareno und auch sofort durch den Ort hindurch. Die Auffahrt zum Passo Praderadego beginnt.

Passo Praderadego – Südrampenauffahrt

Zu meinem Erstaunen hatte mir Ermanno gar nichts über diese Straße sagen können, er wusste nicht einmal, dass es sie gibt. Aus meinen Vorbereitungsrecherchen konnte ich auch nicht sicher sein, ob dieser alte Weg – zahlreiche Geschichtsquellen führen ihn als Teil der Via Claudia Augusta Altinate – durchgängig befahrbar und asphaltiert sei. Das bleibt auch beim „Antritt“ unten in Valmareno noch ungewiss. Solcherart Ungewissheit über diese historische Alpenquerung bestätigt auch der Artikel auf der amtlichen homepage von Follina, der Nachbargemeinde von Cison:
„La Claudia Augusta Altinate, antica via romana di tipo militare, fu completata per ordine dell’imperatore Claudio nel sec. I d.C. affinchè collegasse Altino, florido porto romano, con Ausburg, la romana Augusta, nel cuore dell’Europa. Da anni gli studiosi più accreditati cercano il suo tracciato originale, esso, tuttavia, rimane ancor oggi un mistero irrisolto.“

Die heutige Fahrstraße deckt sich freilich mit der hypothetischen Trasse der Via Claudia Augusta nur im Bereich der engen Talsohle, also am Bach entlang. Der mit Via Claudia Augusta bezeichnete Wanderweg folgt der vermutlichen Trassierung des römischen Verkehrsweges, meine Radroute hingegen windet sich in zahlreichen Serpentinen und Rampen nach oben.

Kurz nach Valmareno, bei einer überreichlich mit Schildern bestückten Abzweigung, mache ich einen letzten Vorbereitungsstop, Energieriegel inkludiert. Eine Gruppe Motorradfahrer dröhnt noch vorbei und löst einige Befürchtungen in mir aus. Danach ist und bleibt es jedoch still, nur die Grillen zirpen, wie es in dem berühmten Lied so schön heißt, dass sie in der größten Hitze, wenn alle anderen Vögel längst schweigen, dennoch weitersingen, für die Liebe …

Glücklicherweise gibt es nur wenige Stellen in der Auffahrt, an denen der Laubtunnel durchlöchert ist und die Mittagssonne ungehindert herunterbrennt. Und auch an solchen kurzen Straßenabschnitten lassen die Lücken im Wald kaum Aus- oder Rückblicke zu, die einem zeigen könnten, wie weit man schon hinaufgekurbelt ist.

Auffahrt zum Passo PRaderadego – die ersten Kilometer
Laubtunnel im unteren Auffahrtsabschnitt zum Praderadego

Bald taucht das erste Verkehrsschild mit der 10%-Steigungsangabe auf. Ich hoffe, dass die Beschattung noch bleibt und dass auch die nahezu verkehrslose Stille anhält. Auf einigen kurzen, noch steileren Abschnitten fahre ich schon Slalom bergauf, gleichzeitig hochkonzentriert, weil die Asphaltdecke schon sehr löchrig und brüchig ist – stehen bleiben ist weder freiwillig noch unfreiwillig ratsam. Erst bei einer verbreitert ausgebauten, weniger steilen Spitzkehre gestatte ich mir einen Stopp, nach dem das bergauf Anfahren leichter fällt. Ein Blick durch ein paar schüttere Lücken im Laub zeigt Valmareno noch nicht sehr tief unten liegend; das heißt, dass es noch weit und steil hinauf gehen wird.

im Bereich der 10%-Rampen hinauf zum Praderadego

Endlich ist der steile Anstieg bei einer Kuppe (831 m ü.M.) angelangt. Vis a vis steht eine riesige lotrechte Felswand, dazwischen klafft eine Schlucht, der Fahrweg biegt nach rechts und abwärts, überquert in einer Kurve diese Schlucht und setzt sich auf einer aus der Felswand gesprengten Trasse horizontal fort.

Kuppe auf 831m – Blick hinüber zur Trasse in der Felswand
in der Felstraverse

Rechter Hand unter den Überhängen und in kleinen Höhlen warten Marienstatuetten auf neue Kerzen. Dieses Stück Straße ist wie ein Balkon, von dem aus man ins Tal und über die colli schauen und – bei etwas klarerer Luft – wohl auch die pianura erkennen kann.

Blick von der Felstraverse hinaus nach Valmareno und die colli

Klar, dass das nicht die Trasse der Via Claudia Augusta gewesen sein kann – die mühte sich zuerst am Bach bergauf und wich dann – heute als Wanderweg so notiert – auf jenen Berghang aus, der dem gegenüberliegt, auf dem sich die Straße in Spitzkehren heraufwindet. Von hier fehlen aber noch fast 100 Höhenmeter bis zur Passhöhe. Sie werden wieder gut beschattet jetzt auf neu asphaltierter Straße ganz locker geradelt. Rechter Hand taucht die Alpini-Hütte auf und kurz danach ist die Passhöhe erreicht.

Bravo! Bravo!“ tönt es mir von dort oben entgegen: Ein reichlich korpulenter, etwa Ende 30jähriger Mann steht da, ein MTB-fully zwischen seine Beine geklemmt und einen Rucksack am Buckel. „Is it downhill from here?“ fragt er mich. Seine Aussprache klingt nicht wie die eines native speakers. Bald stellt sich heraus, dass er wie ich muttersprachlich im Deutschen zuhause ist. „Ich bin in Stuttgart losgefahren. Nie mehr in meinem Leben, habe ich mir gedacht, werde ich so viel Zeit an einem Stück haben; also fahre ich die Claudia Augusta nach Venedig – auf einen Cappuccino. Das hier ist dann der letzte Pass für mich gewesen – jetzt geht‘s nur mehr bergab bis Venedig“, sagt er. Für mich klingt‘s eher nach einer originell formulierten vorbereiteten Antwort auf die vermutlich schon x-mal gehörte Frage, warum er sich diese (Tor-)Tour antue. Ich hatte ihn gar nicht nach einem „warum?“ gefragt; frage mich selbst auch nicht so, sondern eher mit „wie?“ und antworte mir spürbar mit jeder Kurbelbewegung, die mich weiter bringt. Wortlos. Der Mann aus Stuttgart wartet noch kurz mit dem Überziehen seiner Windbluse, weil ich ihm sage, dass er noch einen kurzen Anstieg am Gegenhang nach der Felstraverse bergauf zu fahren hat. Dann rollt er los, hinunter.

Ich freue mich jetzt auf den in so vielen Berichten empfohlenen Cappuccino im Gasthaus „Ai Faggi“ hier heroben auf der Passhöhe. Daraus wird aber nichts – tutto chiuso. Dann ist noch die Entscheidung treffen, ob ich die Nordabfahrt hinunter und über den San Boldo zurück radeln soll. Der Blick zum Himmel macht die Antwort so wie gestern klar und deutlich: Weste anziehen und direkt zurück talwärts – mit großer Vorfreude auf den Kaffee in Cison. Dazwischen wird‘s jedoch noch ziemlich anstrengend – die Tempokontrolle und die unzähligen Fahrbahnschäden und Asphaltrisse stressen mehr als das Bergfahren vorher. Obwohl mir bei der Auffahrt schon fast keine Autos und nur ein einziger Radler und keine Motorräder begegnet sind oder mich überholt haben, erlaube ich mir keinen Geschwindigkeitsrausch. Im Gegenteil – ein paar Zwischenstopps, um die Hände auszuschütteln und die Schultern zu lockern, werden dringend nötig, bevor ich Cison erreiche. Valmareno war nicht einladend genug.

Cison de Valmarino: Caffé Roma auf der gleichnamigen Piazza

Das Werbebanner unter der Marquise im Caffé Roma hingegen verführt erfolgreich: „Bomba del Ciclista“ – egal woraus das gemixt wird, die Assoziation mit einer energetischen Hochkonzentration ist attraktiv genug.

Danach durften der caffé und eine fritella mit viel Zucker drauf natürlich nicht fehlen. Den prosecco will ich mir für später – dann in der osteria Al Barique in Lago – aufheben. Der Rückweg auf der Hauptstraße in der Talebene wäre wie ein Schock nach der wunderbaren Stille gewesen – viel besser passte es, noch einmal hinüber auf die colli hinauf zu fahren. Die Sonne beginnt auch schon längere Schlagschatten zu werfen und setzt den alten Ortskern von Lago in ein attraktives Licht.

Lago: centro storico – sanfte Sanierung und Modernisierung
Lago: centro storico
Lago: centro storico
Lago: centro storico

Leider ist die osteria neben der Kirche noch geschlossen – den prosecco muss ich beim Chinesen im Schanigarten nehmen und mich sogar noch beeilen: die schon oben am Passo Praderadego am Himmel sich abzeichnende Wolkenkumulierung wird plötzlich sehr bedrohlich. Der Wetterwind lässt auch keine Zweifel mehr an seiner Absicht. Mit ihm im Rücken komme ich gerade noch trocken in mein Basiscamp „La Palanca“. Dann wird‘s finster. Nur Blitze erleuchten schlaglichtartig das Tal, durch das der Sturm die Regenschwaden peitscht. Nach einer halben Stunde etwa geht das Schauspiel in sein Finale:

Lago: nach dem Gewitterregen
Lago: nach dem Gewitterregen – Blick auf die colli vis a vis

Statistik: Lago – colli – Cison – Passo Praderadego – Cison – colli – Lago
43 km, 1.555 Höhenmeter bergauf, 2 Stunden 56 Minuten Nettofahrzeit.

Avatar von Unbekannt

Autor: pemockl

desperate bicycle

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