Tag 5: Sonntag, 14. Juli 2019
Schon während des Frühstücks nimmt der Verkehr auf der Via Meneghetti, der Auffahrtsstraße zum Monte Grappa, sukzessive zu – Motorradgruppen aller Kaliber und PKW verdichten sich zu einer nicht abreißen wollenden Kolonne; zahllose Grüppchen und Gruppen von Rennradfahrern und -fahrerinnen mitten drin. Mir wird schummrig und meine Vorstellung von einer beschaulichen, stillen, meditativen Bergfahrt schwindet dahin. Die Bemerkungen des Kochs von Cubamía, dass das in den Sommerferien eben so sei, lassen mich einen Abbruch meines Veneto-Projekts erwägen: 27 Kilometer lang in Auspuff- und Lärmwolken hinauf pedalieren, in permanenter Angst, von einem Motorradfahrer in einer Kurve umgerissen zu werden, erzwingen, dass meine Erstbefahrung des Monte Grappa nicht stattfinden wird, keinesfalls heute. Ich beschließe einen Radlostag einzulegen, packe den Fotoapparat und den Orts- und Umgebungsplan von Romano ein, ziehe die Sandalen an und schütze meine Glatze mit dem Radlerkopftuch vor drohenden Sonnenverbrennungen.
Das zu-Fuß-Gehen Richtung Ortsmitte auf der Via Meneghetti und der Via Marchi – beide sind Teile der Auffahrtsstraße zum Monte Grappa – ist nicht minder gefährlich. Die Einheimischen scheinen das zu wissen und so bin ich der einzige, der sich a piedi um diese Tageszeit auf diese Straße wagt. Es gibt aber keinen anderen Weg, um zu jenem rätselhaften Ziegelturm zu gelangen, den ich schon von meinem Zimmerfenster aus gesichtet hatte. Es ist ein still gelegter Ziegelbrennofen, um den herum ein Ausstellungsraum gebaut wurde. Der ist leider heute geschlossen.

Ein paar Schritte weiter versammeln sich, auf der Piazzale Chiesa, dem Kirchenplatzl, die üblichen Gedenkstücke: die in Stein gemeißelten Namen der Gefallenen der beiden Kriege, die Marienstatue und eine Feldhaubitze, gerichtet auf die Abhänge des Monte Grappa Massivs.


Der nächste neugierig machende Turm ist die Torre Ezzelina auf dem Col Bastia. Er ist der Rest des Ezzelino-Schlosses auf einem der unzähligen colli, die auch hier am Fuße des Grappa-Massivs für optische Abwechslung sorgen
Der kleine Hügel beherbergt auch einen Friedhof, eine Serie von aus Wurzel- und Lianenwerk gebildeten Tierskulpturen, die an einem Spazier-Rundkurs aufgereiht sind, und – was die Bürger des Städtchens gewiss stolz macht – auch einen Gedenkstein zu Ehren von Dante Alighieri samt einer Tafel mit einem Zitat aus der Divina Commedia, Paradiso, IX, vv. 25-30, das auf eben diesen Hügel verweist.

Ich hoffe, von dieser kleinen Anhöhe aus einen Blick auf mein Objekt der Begierde, den Gipfel des Monte Grappa, werfen zu können – das ist aber nicht möglich. Die davor liegenden Ausläufer des steilen Massivs sind zu hoch. Aber deren Abhänge sind schon Respekt einflößend genug:



Links und rechts des Ausgangs des Valle Santa Felicità führen die beiden Straßen an den Abhängen des Grappa-Massivs in zahlreichen Serpentinen nach oben. Im Tal selbst verlaufen diverse Wanderwege zuerst in der Ebene zu einer Kapelle auf einer weiten Wiese, die ganz offensichtlich ein beliebtes Ziel für Spaziergänge ist; die Bergwanderer gehen jedoch weiter in die Schlucht hinein und dann irgendwie die steilen Talwände nach oben. Vom nahe der Wiese gelegenen Wirtshaus dröhnt Schlagermusiklärm, die Sonnenschirme sind von „Paulanerbräu“ gesponsert, der Parkplatz reichlich mit Motorrädern bestückt … ich gehe wieder talauswärts Richtung Cubamía.

Bei der nächsten Abzweigung biege ich zur ersten Spitzkehre der Grappa-Auffahrt ab. Noch immer dröhnen Kolonnen bergwärts. Wie still war es doch drüben bei der Torre Ezzelina …